Freiraumdemo / 12. Juni 2010 / 16:00 Uhr / Berlin


Am 12. Juni 2010 wollen wir, zusammen mit euch, für eine andere Organisation der Stadt, für mehr Selbstbestimmung, schlichtweg für eine andere Gesellschaft auf die Straße gehen. Dabei wollen wir nicht bei Forderungen nach bezahlbaren Mieten, einer sozialeren Stadtpolitik oder sonstiger staatlicher Maßnahmen stehen bleiben, sondern für unsere Vorstellungen eines schönen Lebens demonstrieren – Für eine Gesellschaft ohne Diskriminierung und Unterdrückung aufgrund von Ungleichheiten wie z.B.: Geschlecht, Hautfarbe, sexuelle Identität. Für einen Alltag, in dem Hierarchien und Konkurrenz nicht existieren, sondern Emanzipation und Solidarität gegenwärtig sind. Uns ist bewusst, dass das nicht von Heute auf Morgen geschehen kann, sondern ein Prozess ist, aber je öfter wir mit unseren Ideen in die Öffentlichkeit gehen, sei es durch Texte, Aktionen oder eben durch Demonstrationen, umso wahrscheinlicher wird eines schönen Tages die Einlösung dieser Utopie. Wann und wie die Überwindung der gegenwärtig herrschenden Verhältnisse stattfindet, wissen wir nicht, aber wir wünschen uns, dass sie zugunsten einer emanzipatorischen, solidarischen Gesellschaft überwunden werden. Das grauenvolle des Bestehenden wird in den nächsten Wochen wohl noch verstärkt im Alltag präsent sein, wenn am 11. Juni die Männerfußball Weltmeisterschaft beginnt – ein Ereignis, dass einem mal wieder alle Widerlichkeiten des deutsch-nationalistischen Mobs ins Bewusstsein katapultiert.

Was uns konkret dazu bewegt, zu dieser Demonstration aufzurufen, ist unser Unmut über die herrschenden Zustände mit denen wir uns tagtäglich konfrontiert sehen. Sei es, dass wir umziehen müssen, weil wir die Miete nicht mehr bezahlen können, die nervend Bullenpräsenz vor unserer Haustür oder einfach die schlechte Laune der gestressten Menschen in der UBahn – verständlich bei einer 40 Stunden Arbeitswoche. Die Liste ließe sich mühelos fortführen, aber die Zustände, die uns tagtäglich nerven sollen nicht zum Hauptinhalt werden, sondern die Perspektiven und Ideen, wie wir damit umgehen wollen.

Ein „Freiraum“ zählt für uns als eine Möglichkeit der Kritik an den gegenwärtigen Beschaffenheiten. Ein Ort für die praktische Umsetzung der Selbstorganisierung und auch einfach nur als Zufluchtsort, um den widerlichen Gegebenheiten zumindest zeitweise und größtenteils zu entgehen. Als Freiräume definieren wir Orte, die es ermöglichen, uns mit anderen zu Treffen, zu diskutieren, zu organisieren und die erstmal allen offen stehen, die einen emanzipatorischen Anspruch teilen. Räume, in denen die Menschen, die diese nutzen oder auch bewohnen den Anspruch haben frei von Sexismus, Rassismus, Antisemitismus oder anderen Formen der Unterdrückung zu Leben. Immer mit dem Bewusstsein, das diese Utopie des „Optimalzustandes“ aufgrund der Verhältnisse, die „außerhalb“ des Freiraumes herrschen, (noch) nicht erreicht werden kann. Bestehende Freiräume könnten somit als Keimzellen einer Utopie bezeichnet werden, auf die wir uns zubewegen wollen. Wichtig dabei ist, sich nicht die eigene schöne Welt aufzubauen, mit der Gefahr sich damit zufrieden zu geben, sondern mit den Ideen und Inhalten die hinter den Projekten stehen nach außen zu treten und die eigene Rolle im gesellschaftlichen Ganzen nicht zu verkennen.

Aktuelle Beispiele für Konflikte um Freiräume sind die Bemühungen gegen die Räumung des Hausprojektes Liebig 14 in Berlin-Friedrichshain, sowie die Verdrängung des Wagenplatzes „Schwarzer Kanal“ vom Spreeufer. Zum einen versucht der Staat als Garant der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft, notwendigerweise diese zu Erhalten und hat, da das unseren Vorstellungen widerspricht, natürlich ein Interesse an einer Räumung und würde diese auch tatkräftig unterstützen. Andererseits sind diese Projekte auch ein Exempel dafür, dass dem Bedürfnis nach Wohnraum das Recht auf Eigentum untergeordnet wird. Als bedrohend sind auch die rasant steigenden Kosten für Wohnraum – ebenfalls eine Folge der kapitalistischen Organisation unserer Gesellschaft. Solange Wohnraum, Lebensgrundlagen und wir selbst auf dem Arbeitsmarkt eine Ware sind, werden sich gesellschaftliche Ungleichheiten, also auch Verdrängungsprozesse nicht verhindern lassen. Innerhalb des Kapitalismus gibt es keine Gerechtigkeit und keine Freiheit die über die gesetzten Grenzen hinaus geht – und selbst die muss erkauft werden. Der Versuch darüber hinweg zu gehen, sei es durch die Schaffung unkommerzieller Strukturen oder durch Selbstorganisierung wird dadurch negiert, dass diese Versuche zerschlagen oder angepasst werden.

Es widerstrebt uns, Forderungen an die herrschende Politik zu stellen, schon allein dadurch, weil wir die Bestimmung darüber, wie wir leben nicht abgeben wollen und nicht akzeptieren, das andere Menschen über uns Entscheidungen treffen. Wir verlangen auch keinen besseren Kapitalismus mit Mietspiegel und sozialem Wohnungsbau, sondern wollen ein ganz anderes ganzes! Um das Leben bis dahin einigermaßen erträglich zu gestalten wollen wir gemeinsam mit euch für den Erhalt und das Schaffen neuer Freiräume demonstrieren und dabei noch einmal deutlich machen: Eine Räumung der Liebig 14 werden wir nie akzeptieren – Wir bleiben Alle Staatsgefährdend!

Brücke am Kottbusser Damm Ecke Maybachufer // zwischen U8 Kotti und U8 Schönleinstrasse
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