Nachdenken über eine Räumung – für die antikapitalistischen Aktivist_innen. Zum Zweiten Jahrestag der Räumung der Liebig 14

„Ein Ereignis kann im Nachhinein anders betrachtet, vereinnahmt, unterdrückt und betrogen werden, aber es wird immer noch etwas in ihm geben, das nicht veraltet. Nur Abtrünnige würden sagen: es ist passé. Aber auch wenn es alt ist, es kann nie veraltet sein: es ist eine Öffnung in das Mögliche. Es nimmt genauso seinen Weg in das Innere von Individuen wie in die Tiefen der Gesellschaft.“ Gille Deleuze

Kampf und Repression

2. Februar 2011: ein Berliner Hausprojekt wird von mehreren tausend Cops geräumt. Dieses Ereignis markiert paradoxerweise gleichzeitig einen Höhepunkt in der Aktivität aktueller politischer Bewegungen wie auch deren Repression. Tausende ziehen durch die Straßen und demonstrieren eine gemeinsame Verweigerung: wir akzeptieren diese Räumung nicht, genauso wenig wie die Räumung von anderen emanzipatorischen Orten, und auch nicht die Räumung von Individuen oder Familien aus ihren Häusern als Ergebnis von einer urbanen Politik, die offensichtlich so verkommen und pervertiert ist in ihrer Profitgier. Wir verweigern uns der Macht, die diese Politik und ihre neoliberalen Konsort_innen über die Stadt haben. Wir werden weiterhin für diesen Ort kämpfen – für die Stadt, in der wir leben – um ein gemeinsamer Organismus zu sein und nicht ein Spekulationsobjekt.

Der Kampf gegen die Räumung der Liebig 14 hat unsere Bewegungen weiter vorangetrieben: neue Verbindungen sind entstanden; Solidarität wurde gestärkt; zu manchen Zeiten haben wir die Begrenzungen unserer subkulturellen Identität verlassen. Wir haben ein weiteres Mal den Geschmack eines gemeinsamen Aufstandes gekostet: keine einheitliche Vision noch ein Konsens über Aktionsformen, eher kollektive Singularitäten; eine Vielfältigkeit.

Diejenigen, die an Solidaritätsnetzwerken mit den Nachbar_innen arbeiteten schmunzelten beim Anblick der von anderen auseinandergenommenen Geldautomaten. Diejenigen, die durch die Straßen gezogen sind, wurden später in dem ein oder anderen Berliner Freiraum mit Essen und warmen Getränken versorgt. So sahen wir in einem kurzen Moment der urbanen Unruhe die Erfahrung von unserer radikalen Infrastruktur… Wir schauen in die Zukunft!

Damals wie heute ist es die Vielfältigkeit, das gemeinsame Rauschen verschiedener Perspektiven, Stimmen und Aktionen, in dem wir unsere Stärke gegenüber der hierarchischen Organisation von Staat und Kapital sehen.

Wir haben vielleicht am 2. Februar 2011 unser Haus verloren und einen Ort des Widerstandes, aber wir haben unsere Würde bewahrt. Dasselbe kann nicht über die Eigentümer gesagt werden in ihrer Gier, mehr Profit aus dem Gebäude zu quetschen, oder über die Politiker_innen, welche die Räumung bewilligt haben, oder über die Polizei, die uns in ihrer Anzahl beim Einsatz bis ins Lächerliche übertraf, bewaffnet bis auf die Zähne mit Äxten und Kettensägen ein Gebäude angriff, das eine Gemeinschaft beherbergte, weil es eben einen Befehl dazu gab.

2012 hat es in Berlin eine beeindruckende Reihe von Kämpfen gegen Ungleichheit und Unterdrückung gegeben. Zwei Mal ist die Berliner Linie bezüglich Neubesetzungen gebrochen worden, und zwar von Gruppen, die am marginalisiertesten und ausgeschlossensten von der Gesellschaft sind. Im Juni besetzten Senior_innen ihre Einrichtung in der Stillestraße, die wegen Kürzungen in Sozialausgaben geschlossen werden sollte. Im Dezember besetzte eine starke Flüchtlingsbewegung, die sich für Bewegungsfreiheit einsetzt, eine Schule in Kreuzberg. Mehrmals haben in diesem Jahr Aktivist_innen und Nachbarschaftsgruppen erfolgreich Zwangsräumungen in Kreuzberg verhindert, in einem Bezirk, der jüngst die brutalen Konsequenzen von ungleichen Geografien in der neoliberalen Stadtentwicklung erfährt.

Zur selben Zeit nimmt in Europa und darüber hinaus die Aggressivität in der Repression des kapitalistischen Apparates zu, die Brutalität seiner Durchschlagskraft ist ein Zeichen dafür, wie verzweifelt versucht wird, ein bröckeliges System aufrecht zu erhalten. In Griechenland nimmt es die Form eines großflächigen Angriffs des Staates auf emanzipatorische Bewegungen an. Antifaschist_innen werden im Gefängnis gefoltert, während der Staat die Augen verschließt vor den Morden an Migrant_innen, die durch die Mitglieder einer faschistischen politischen Partei durchgeführt werden. Der Staat verhält sich wie ein militärischer Unterdrücker und auch der Modus seines Angriffs ist territorial: in ganz Griechenland sind in den letzten Wochen Squats geräumt und durchsucht worden – Ereignisse, die Teil sind von einem offensichtlichen Plan, 42 der griechischen besetzten Orte zu räumen. Wir sind vereint in unseren Kämpfen.

Angesichts des Jahrestages der Räumung der Liebig 14 und im Kontext der aktuellen Kämpfe und Repressionen, der Formierung neuer emanzipatorischer Bewegungen sowie des gegenwärtigen Aufkommens des Faschismus in manchen Orten, möchte dieser Text ein paar Gedanken bereit stellen über die Auseinandersetzung mit dem Nihilismus der spätkapitalistischen Gesellschaft, damit er uns nicht erstickt. Denn entlang der vielen Risiken bei der Aktualisierung emanzipatorischer Welten hier und dort, besteht die Gefahr, dass durch die vorherrschende Stimmung von Nihilismus und Verzweiflung, die dem Niederschlag einer Räumung folgen kann, die Gefahr, unsere Leidenschaft gebrochen und unsere Wut zu Bitterkeit und Desillusionierung verstümmelt werden kann.

Gegen die Städte des Nihilismus

Wenn wir sagen, wir wollen Städte für Leute, nicht für den Profit, dann sagen wir, dass wir keine Städte des Nihilismus wollen. Städte sind zunehmend Orte des Nihilismus in dem Sinne wie das Begehren nach immer mehr Profit zu einer „Kreativen Zerstörung“ unserer Wohnorte führt: in Form von Räumungen, Gebäudeabrissen, Renovierugen und der Aushöhlung von der Bedeutung, die wir unserem Lebensumfeld zuschreiben. Die Orte, in denen wir leben sind Erweiterungen von unserem Leben, unserem Atem, kreativen Identitäten und Gemeinschaften. Sie zu kapitalistischen Wertobjekten zu machen entfremdet uns nicht nur von der Stadt, in der wir leben, sondern auch von uns selbst.

Wenn wir in Städten leben, die vorwiegend durch den Kapitalismus organisiert sind, müssen wir Vorsichtsmaßen ergreifen, nicht auch dessen nihilistisches Schicksal zu teilen, müssen wir dagegen ankämpfen, in lähmende Verzweiflung zu fallen angesichts einer dystopischen Welt. Gemeinsam müssen wir dagegen ankämpfen, dass unser Verlangen nach Freiheit für alle nicht in einem Willen zum Nichts mutiert, zu Nihilismus. So sagen es uns auch die Schriften des Kollektives Guerre au Paradis:

„Manchmal ist die Linie zwischen Wut und Verzweiflung sehr dünn, sehr fragil. Der Abgrund des Nihilismus wartet auch auf hartgesottene Rebell_innen, die aufhören, kritisch zu sein, auf ihr Herz zu hören, erstickt ihre Träume von gegenseitiger Hilfe und Solidarität, sagt, dass das alles unnütz ist, weil es eh allen scheißegal ist.“

Unsere Fähigkeit zu Handeln wird gelähmt, sobald sich Traurigkeit und Angst als Teil einer Repressionsmatrix des Staates erfolgreich bei uns einnisten. Gedanken und Aktionen gegen den intollerablen Kern der Gegenwart zu richten bedeutet, nicht dieser Negativität zu unterliegen und nicht zu erlauben, dass der suizidäre Nihilismus des späten Kapitalismus unser eigener wird.

Militante Freude!

Im selben Zug können wir gegen diesen Nihilismus wie auch gegen alle Formen der Unterdrückung, Ungleichheit und Authorität ankämpfen, und zwar mit einer Militanz, die durch Freude geleitet ist. Das ist nicht mit einer gedankenlosen Positivität oder einem Optimismus gleichzusetzen, die sich selbst auch zu gut in die Positivität der liberalen Demokratie und der sogenannten kapitalistischen Freiheit einfügt. Die Dinge werden dadurch einfach nicht besser. Eine Gewissheit, dass sie besser würden, wäre eine unstabile Basis für emanziparorisches Begehren. Wir können die Last dieser Desillusionierung abwerfen und uns gleichzeitig gefestigter für Freiheit einsetzen.

Militante Freude fundiert auf einem Glauben an die Welt. Es ist ein Gefühl einer intensiven Verbindung mit der Welt, die das Gefühl der Entfremdung durchbricht: von uns selbst, von einander, von den Orten an denen wir wohnen, von den Erzeugnissen unserer körperlichen Tätigkeit, womit der Kapitalismus versucht, uns gefesselt und isoliert zu halten. Militante Freude strebt nach einer Verneinung des Kapitalismus durch Affirmation.

Spinoza schreibt, dass Freude eine Einstellung der Offenheit zu Verbindungen ist, die unsere Handlungsfähigkeit erhöht, während Geschlossenheit Schließung und die Reduktion körperlicher Fähigkeit zu Affekten mit sich bringt. So gesehen bezieht militante Freude ihre Kraft aus Liebes- und Freundschaftsbeziehungen, wie auch das Colectivo Situaciones, eine Gruppe militanter Forscher_innen aus Argentina schreibt:
„Liebe und Freundschaft lehren uns über die Werte von Qualität und Quantität: der Kollektivkörper, der sich aus anderen Körpern zusammensetzt, bezieht seine Kraft nicht entsprechend der schieren Quantität seiner individuellen Komponenten, sondern in Bezug zur Stärke der Beziehungen, die ihn vereinigen.“

Wenn wir das Schaffen von Werten, Erfahrungen und Welten im Zentrum unseres Handelns steht, passiert die Zerstörung von unterdrückerischen Kräften von selbst. Bei denjenigen, die sich entscheiden, zu kämpfen, liegt der Kapitalismus bereits hinter ihrem kollektiven emanziatorischen Streben.

Wenn wir verweigern, auf den Nihilismus des Kapitalismus aufzuspringen, verschließen wir uns gegenüber Verbitterung, Hass und Rache. Stattdessen absorbieren wir die Negativität von Räumungen und dem Nihilismus des Kapitalismus in unseren kollektiven revolutionären Entwicklungen, wie flüssiges Feuer in den Flammen unserer freudvollen Wut.

- einige ehemalige Bewohner_Innen der Liebig 14